Jan Schrecker (Foto: Glitzerkollektiv.de)

Von Jan Schrecker
(Foto: Glitzerkollektiv.de)

Am 1. Juli 2017 sind wir mit einem Infostand im Village der »Respect Gaymes« auf dem Gelände des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks in Berlin vertreten. Wir freuen uns auf Deinen Besuch – Du kannst die erste Bundespartei mit ständiger Online-Mitgliederversammlung kennenlernen!

  • Zugang zum Gelände am Eingang Cantianstraße 24
  • Haltestellen:
    • U-Bahn, Tram Eberswalder Straße
    • S-Bahn, U-Bahn, Tram Schönhauser Allee
    • Tram Milastraße

Falls Du Deinen Wohnsitz im Land Brandenburg hast, kannst Du an unserem Stand auch die beiden #Mitentscheiden-Volksinitiativen für mehr Direkte Demokratie im Land Brandenburg mit Deiner Unterschrift unterstützen.

Ehe für alle? Ehe für keinen?

Leider sind Homo- und Transphobie in vielen Bereichen des Sports weiterhin ein drängendes Problem. Wenn es um das Ziel diskriminierungs-freier Räume geht, besteht dort noch großer Nachholbedarf. Die »Respekt Gaymes« greifen dieses Thema auf und wir unterstützen das gern!

Die Veranstaltungen im zeitlichen Zusammenhang mit dem Jahrestag der Stonewall-Inn-Riots am 28. Juni 2017 erhalten in diesem Jahr selbstverständlich eine besondere Bedeutung durch die für Freitag in Aussicht gestellte Beschlussfassung des Bundestages über die Anträge zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Lebensweisen.

Dieses Ehe-Modell als Element einer Gleichstellungspolitik begrüßen wir als Etappenziel – das Modell geht uns jedoch nicht weit genug.

Schon lang gibt es in der Queerpolitik Zwist darüber, dass Gleichstellung in Form einer heteronormativ geleiteten Definition von »Ehe« einer wirklichen Gleichstellung nicht gerecht wird, denn zu tief sind die geschlechtlichen Rollenbilder einer heteronormativen Weltsicht im Modell der Ehe verankert, als dass diese sich – selbst nach einer Öffnung für gleichgeschlechtliche Lebensweisen – wirklich an alle richten könnte.

Diejenige Queerpolitik, die mit einer Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Lebensweisen ihre Forderungen im wesentlichen erfüllt sieht, greift sich ein Lebensmodell von vielen verschiedenen Lebensmodellen heraus, das der verbreiteten heteronormativen Denkweise am ehesten entspricht. Doch gibt es darüber hinaus vielfacherere Formen von Lebens- und Einstehensgemeinschaften, denen der Schutz des Personenstandes der Ehe nicht eingeräumt wird.

Zudem sind die öffentlichen Vorstellungen vom Begriff der »Ehe« – gerade in der Bundesrepublik – nicht vorrangig von zivilrechtlichen Vorstellungen, sondern vor allem durch eine kirchliche Sichtweise geprägt. Die Vorstellungswelt, die mit dem Begriff der »Ehe« verbunden ist, ist somit nicht neutral und hinsichtlich der Lebensweisen und Geschlechterrollen wertfrei.

Bereits im Jahr 1998 wies der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker in einem Hörfunk-Feature von Detlef Grumbach darauf hin:

»Daß damit verbunden sein wird, daß diejenigen, die glauben, daß mit diesen Forderungen eine Aufhebung der Differenzen verbunden ist, kurz nachdem das dann da sein wird, sehr enttäuscht sein werden, das ist auch offenkundig.

Doch das Problem von den Leuten, die diese Politik vertreten, ist eigentlich, daß sie von dieser Kategorie der Differenz nichts halten und daß sie eigentlich dieser Gesellschaft – und da haben sie wahrscheinlich, ohne daß sie es sich bewußt machen, recht, daß wenn man genau guckt – daß diese Gesellschaft sich gegen allen Anschein, so leicht mit Minderheiten, so leicht mit dem, was als fremd erscheint, nicht tut. Und jetzt macht man auf einer bestimmten abstrakten Ebene gleich. […]

Deshalb finde ich Gleichstellungspolitik fatal, wenn man nur Gleichstellungspolitik macht und die Rede über die Differenz damit verbietet, weil es das Gleichstellen stören könnte.

Und das ist die Wiederholung auf einer scheinbar neuen Ebene dessen, was wir am Anfang der Schwulenbewegung hatten. Wo die Proteste gegen diese merkwürdig aussehenden, mit merkwürdigen Forderungen auftretenden Schwulen von den angepaßten Homosexuellen kamen.

Auch dort wurde die Illusion von Gleichheit destruiert. Und jetzt kommt die Rede dagegen, daß politisch verfaßte Homosexuelle auf die Ebene oder ausschließlich auf die Ebene von Gleichstellung gehen, ohne daran zu denken, daß wahrscheinlich die allermeisten der Homosexuellen, weil es ihren Lebensformen gar nicht entspricht, so etwas wie ehe-ähnliche Verhältnisse gar nicht eingehen werden. Es kommt eine ganz große Gruppe Homosexueller in dem gesamten Gleichstellungsdiskurs nicht vor.« (Zitiert nach: »Bürger wider Willen – die Schwulenbewegung zwischen Revolte und Integration. Ein Portrait Martin Danneckers«, Hörfunk-Feature von Detlef Grumbach, Redaktion: Karin Beindorf, Ursendung 13. Juni 1998.)

Statt dem Begriff der »Ehe« wäre der Begriff der »Lebensgemeinschaften« umfassender und hinsichtlich der Lebensweisen und Geschlechterrollen neutraler, jedoch müsste dann auch drin sein, was drauf steht: Er dürfte nicht mehr nur eine für gleichgeschlechtliche Lebenswesen geöffnete, heteronormative Ehe bezeichnen, sondern schlechthin jede Einstehensgemeinschaft erwachsener Menschen.

An dieser Stelle ist das Glitzerkollektiv der Öffnung der Ehe für gleichgeschechtliche Lebensweisen schon weit voraus: In unserem Grundsatzprogramm fordern wir, das Lebenspartnerschaftsmodell auf eine individuelle, notarrechtliche Ebene überzuführen und das selbst gewählte Lebenspartnerschaftsmodell in frei verhandelter notarieller Form staatlich anzuerkennen.

Trotz Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Lebensweisen – Es bleibt viel zu tun!

Mit der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Lebensweisen ist auch in vielen Bereichen noch lang keine Gleichstellung erreicht.

So müssen transexuelle Menschen immer noch unwürdige Begutachtungen über sich ergehen lassen, um eine Änderung der Namens- oder Geschlechts-Eintragung bei den Behörden zu erreichen.

In den meisten Antragsformularen für Sozial- und Transferleistungen wird die Geschlechtszuordnung abgefragt, obwohl diese für die Bewilligung der Leistung nicht erforderlich ist. Es sind keine Gründe ersichtlich, warum überhaubt die behördliche Erfassung des Geschlechtsmerkmals notwendig ist, da keine Leistung der öffentlichen Verwaltung geschlechtsspezifisch erbracht wird. Wir wollen deshalb das Ende der zwangsweisen Erfassung des Merkmals »Geschlechts« erreichen.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz muss auch auf Landesebene ausgebaut werden. Die Rechtstellung von Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und in der medizinischen und beruflichen Rehabilitation muss mit einem Diskriminierungsschutz ausgestattet werden.