Denkmal »Wachsen mit Erinnerung« an der Goethestraße auf den Grundmauern der Alten Synagoge Eberswalde: Der Bereich innerhalb der Waschbeton-Platten ist unzugänglich: Dort bleibt die Vegetation sich überlassen; die angepflanzten Bäume werden im Lauf der Zeit die Silhouette der im orientalischen Stil erbauten Synagoge nachformen.

Denkmal »Wachsen mit Erinnerung« an der Goethestraße auf den Grundmauern der Alten Synagoge Eberswalde: Der Bereich innerhalb der Waschbeton-Mauern ist unzugänglich: Dort bleibt die Vegetation sich überlassen; die angepflanzten Bäume werden im Lauf der Zeit die Silhouette der einst im orientalischen Stil erbauten Synagoge nachformen.

Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ist als Pogromnacht in die Geschichte eingegangen: In dieser Nacht und den wenigen Tagen zuvor und danach wurden Hunderte von Jüd:innen in Deutschland ermordet oder in den Tod getrieben und rund eineinhalb Tausend Orte jüdischen Lebens zerstört und geplündert.

Auch die Alte Synagoge in Eberswalde, heute Kreistadt des Landkreises Barnim und Ort des Verwaltungssitzes von Glitzerkollektiv.de, wurde in Brand gesetzt. Erst in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938, einem Donnerstag, nachdem die Flammen stundenlang Zeit hatten, die Synagoge in eine Ruine zu verwandeln, kam die Feuerwehr. Noch in der selben Woche verpflichtete die damalige Stadtverwaltung die jüdische Gemeinde zum Abriss der Ruine auf eigene Kosten der Synagogengemeinde.

Jörg Preisendörfer (Foto: Gerhard Anger)

Von Jörg Preisendörfer
(Foto: Gerhard Anger)

Zur Zeit der DDR baute die Volkspolizei auf dem freigeräumten Gelände Werkstätten und Garagen für ihren Fuhrpark. Bis heute befindet sich eine Dienststelle des Eberswalder Polizeireviers auf dem benachbarten Grundstück. Für die Errichtung des Denkmals »Wachsen mit Erinnerung«, das an die Alte Synagoge, das jüdische Leben in Eberswalde und an dessen Verfolgung und Zerstörung erinnert, wurden die von der Polizei nicht mehr benötigten Gebäude vor einigen Jahren abgetragen. Dabei wurden direkt unter der Oberfläche des Platzes die Grundmauern der zerstörten Synagoge aufgefunden und denkmalkundlich erschlossen. Auf ihnen wurden anschließend die Mauern des neuen Gedenkortes errichtet.

Wachsen mit Erinnerung

Fünf Jahre nach dem Beginn der Arbeiten zur Errichtung des Denkmals »Wachsen mit Erinnerung« kamen am 9. November 2017 einige hundert Teilnehmer:innen zusammen, um der Pogromnacht 1938 und der Zerstörung der Alten Synagoge Eberswalde in den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 zu gedenken.

Die Mauern des Denkmals »Wachsen mit Erinnerung« tragen eine umlaufende Inschrift zur jüdischen Geschichte Eberswaldes. Die hebräische Zeile למען ידעו דור אחרון בנים יולדו יקמו ויספרו לבניהם wurde Psalm 78 entnommen und lautet in deutschsprachiger Übertragung: Damit das kommende Geschlecht davon erfahre, die Kinder, die noch geboren werden; sie sollen aufstehen und es ihren Kindern erzählen.

Die Mauern des Denkmals »Wachsen mit Erinnerung« tragen eine umlaufende Inschrift zur jüdischen Geschichte Eberswaldes. Die hebräische Zeile למען ידעו דור אחרון בנים יולדו יקמו ויספרו לבניהם wurde Psalm 78 entnommen und lautet in deutschsprachiger Übertragung: Damit das kommende Geschlecht davon erfahre, die Kinder, die noch geboren werden; sie sollen aufstehen und es ihren Kindern erzählen.

Eberswaldes Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP), Ruben Metzke als Vertreter des Ökumenischen Arbeitskreises, dessen Mitglieder jährlich mit der Stadt Eberswalde die Veranstaltung vorbereiten, und Gesandter Avraham Nir-Feldklein von der Botschaft des Staates Isreal in Berlin wandten sich mit Redebeiträgen an die Versammelten, die mit Kerzen und Blumen zum Denkmal gekommen waren, um ihrer Verbundenheit Ausdruck zu geben.

Dass die Zerstörung der Synagogen in dieser Nacht vor 79 Jahren ein organisierter Vorgang war: Daran erinnerte Friedhelm Boginski in seinen Worten zur Eröffnung der Veranstaltung. Kein unvorhergesehener Vorgang, sondern angeordnet und darin vom Beifall Umstehender begleitet. Nicht die Zerstörung der Gebäude sei das Ziel gewesen, sondern jüdischen Nachbarn und Kollegen klar zu machen: Ihr sollt hier weg! Wir wollen euch hier nicht mehr haben! Wir wollen euch demütigen – beleidigen – verjagen! Diese Geschichte sei unvergangen, denn wieder sei zu hören: Ausländer raus! Und wieder gebe es Haßtiraden, Neiddebatten und Brandstiftungen. Wieder gewönnen rechtspopulistische Parteien bei Wahlen Zuspruch, und es gebe kaum eine Hemmschwelle, diesen rechtspopulistischen Unsinn öffentlich zu sagen, ihn zu verbreiten und damit Wahlen zu gewinnen.

Ruben Metzke griff mit seiner Ansprache das Reformations-Jubiläum auf und rief die Mitverantwortung des christlichen Rassen-Antisemitismus für die Verfolgung jüdischer Menschen durch die Nationalsozialist:innen in Erinnerung. Die Tatsache, dass Martin Luther theologische Grundlagen für die Verfolgung von Jüd:innen gelegt hat, sprach der Eberswalder Seelsorger in seinem Redebeitrag klar und unumwunden aus, und benannte die Notwendigkeit des Bekenntnisses, dass auch dies Teil der Reformation und ihrer Geschichte sei.

Gesandter Avraham Nir-Feldklein im Gespräch nach der Gedenkveranstaltung in Eberswalde.

Gesandter Avraham Nir-Feldklein nach der Gedenkveranstaltung in Eberswalde im Gespräch mit dem Reporter eines Lokalsenders.

Der Gesandte des Staates Israel, Avraham Nir-Feldklein, schilderte in Stichworten auch das Schicksal seiner eigenen Familie: Er schätze sich glücklich, an der Veranstaltung teilnehmen zu können, denn seine Großeltern, die in Magdeburg lebten, seien 1934 umsichtig genug gewesen, Deutschland zu verlassen. Wenn sie das nicht schon zu diesem Zeitpunkt getan hätten, wäre er vielleicht nie geboren worden. Er erinnere sich daran, dass seine Großmutter bis zu ihrem letzten Tag stets auf deutsch mit ihm geprochen habe, weil sie sich von dieser Kultur nicht trennen wollte.

Der Gesandte stellte die Frage, wie es möglich war, dass Deutschland so viel Hass gegen seine eigenen Bürger:innen aufbringen konnte? Er hätte darauf nur eine Antwort gefunden: Dass das eine Frage der Bildung sei. Deshalb freue er sich, dass so viele Menschen an diesem Abend an der Veranstaltung teilnehmen und dass er unter ihnen einen so großen Teil junger Menschen sehe. Nir-Feldklein bekräftigte seine Überzeugung, dass nur durch Bildung und durch Gedenkveranstaltungen wie derjenigen in Eberswalde sichergestellt werden könne, dass sich die Geschichte nicht wiederhole. Zum Schluss seiner Ansprache dankte er allen, die sich für das Entstehen des Denkmals eingesetzt haben und die die Gedenkveranstaltungen ermöglichten.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung wurde eine Informationsstele direkt am Trottoir der Goethestraße vor dem Denkmal enthüllt, die Besucher:innen nun in deutscher, englischer und polnischer Sprache die Grundzüge der Geschichte des Ortes vermittelt.

Das Denkmal erinnert an eine oft vernachlässigte Leerstelle: Das Leben dieser Menschen fehlt uns Heutigen.

Die Inschrift am Denkmal »Wachsen mit Erinnerung« erinnert an eine oft vernachlässigte Leerstelle: Das Leben dieser Menschen fehlt uns Heutigen.

Antifaschistisches Engagement in Eberswalde

Ellen Grünwald führte am 11. November 2018 auf Einladung der Antifaschistischen Initiative Eberswalde (afie) zu einigen Orten jüdischen Lebens in Eberswalde. Vier Plaketten erinnern im Innenhof des Paul-Wunderlich-Hauses an Familie Wolff. Eltern und Tochter konnten in die USA fliehen, während ihr Sohn Erich 1941 ermordet wurde.

Ellen Grünwald führte am 11. November 2017 auf Einladung der Antifaschistischen Initiative Eberswalde (afie) zu einigen Orten jüdischen Lebens in Eberswalde. Vier Stolpersteine erinnern im Innenhof des Paul-Wunderlich-Hauses an Familie Wolff. Eltern und Tochter konnten in die USA fliehen, während ihr Sohn Erich 1941 ermordet wurde.

Die Antifaschistische Initiative Eberswalde (afie) veranstaltete am Samstag nach der Gedenkveranstaltung dankenswerter Weise einen kleinen Stadtrundgang zu Orten jüdischen Lebens rund um den Eberswalder Marktplatz, der nur einige hundert Meter vom Standort der Alten Synagoge entfernt liegt. Die Initiative hatte dazu Ellen Grünwald eingeladen, die mit ihren hartnäckigen historischen Nachforschungen und ihrem Austausch mit Überlebenden, Verwandten und Nachkommen in Kanada, Australien, Israel und andernorts wesentlich dazu beigetragen hat, Spuren jüdischen Lebens in Eberswalde wiederzuentdecken und nachzuzeichnen.

Viele Ergebnisse von Grünwalds Recherchen hat der Verein für Heimatkunde zu Eberswalde e.V. mit umfangreichem historischen Bildmaterial im Eberswalder Gedenkbuch für die jüdischen Oper des Nationalsozialismus veröffentlicht, das inzwischen fast vergriffen ist und dessen Inhalte gegenwärtig für eine Website umgesetzt werden.

Anhand ihrer plastischen Schilderungen bei diesem Stadtrundgang wurde einmal mehr deutlich, wie irreführend und doppelbödig in der aktuellen politischen Debatte das Schlagwort der »Wirtschaftsflüchtlinge« ist: Denn die meisten derjenigen Menschen, die in der Anfangszeit des deutschen Faschismus das Land ihrer Herkunft verließen, taten dies, weil ihnen die alltägliche Diskriminierung die wirtschaftlichen Existenzgrundlage entzog – und nicht, weil sie zu dieser Zeit unmittelbar mit dem Tod bedroht worden wären.

Ob die Akteur:innen derjenigen politischen Parteien, die dem Wahlerfolg von Rechtspopulist:innen ihr willfähriges »Wir haben verstanden!« hinterher rufen, auch diese Lektion gelernt haben, muss sich erst noch zeigen. — Leider.

In Eberswalde warten noch Spuren darauf, dass ihnen nachgegangen wird: An einer oder mehr Stellen lagert eine größere Menge Grabsteine im Forst um Eberswalde, an der manches darauf hinweist, dass sie Teil der jüdischen Geschichte der Stadt sein könnten. Ihre fachkundige Bergung und Dokumentation könnte Hinweise auf bisher unbekannte Schicksale geben. Ob die Steine von den alten jüdischen Friedhöfen in Eberswalde und Oderberg oder vom aufgelassenen Friedhof Nordend hierher verlagert wurden, ist unklar.Trotz der vorbildlichen Arbeit von Ellen Grünwald und ihren Mitstreiter:innen bleiben auch in Eberswalde noch Fragen zu beantworten: Unter anderem liegt an einer, vielleicht auch an mehr Stellen eine größere Menge Grabsteine im Forst um Eberswalde. Manches weist darauf hin, dass einige von ihnen zur jüdischen Geschichte der Stadt gehören könnten. Ihre fachkundige Bergung und Dokumentation könnte Hinweise auf bisher unbekannte Schicksale ergeben. Ob die Steine von den alten jüdischen Friedhöfen in Eberswalde und Oderberg oder vom aufgelassenen städtischen Friedhof Nordend hierher verlagert wurden, ist bisher unklar.

Jedenfalls wollte einer der engagierten Eberswalder nicht länger darauf warten, dass die öffentliche Verwaltung tätig wird: Er hat in Selbsthilfe einen Grabstein mit hebräischer Inschrift aus dem Forst geborgen und vorsorglich auf dem alten jüdischen Friedhof abgesetzt.

Siehe auch

Das war auch uns von Glitzerkollektiv.de wichtig: »Seit dieser Zeit fehlen Eberswalde diese Menschen, Freunde, Mitschüler, Nachbarn, Kollegen.«

»Seit dieser Zeit fehlen Eberswalde diese Menschen, Freunde, Mitschüler, Nachbarn, Kollegen«: Unser Vorsitzender Jan Schrecker überbrachte bei der Veranstaltung am 9. November 2017 ein Zeichen der Verbundenheit.